25. August 2011Ra(s)tlose Experten im Angesicht des Unfassbaren
Unter dem Titel “Ahnungslosigkeit trifft Grössenwahn” bloggte die 21-jährige Politikstudentin Jennifer Nathalie unlängst ihren Frust über das deutsche Expertentum vom Leib (was natürlich ebenso auf das schweizerische und jedes andere Expertentum übertragbar wäre). Seit dem Attentat in Norwegen sei Fremdschämen ihr Hobby, schreibt sie, und dieses würde sie vollkommen ausfüllen.
Dass man sich für reflexartig spekulierende Experten fremdschämen müsste, halte ich zwar nicht für zwingend. Aber so langsam dämmert es auch unter autoritätsgläubigen Laien, wie verkehrt und irreführend die fachlich fundierten Einschätzungen auf den Kanälen der etablierten (monologischen) Medien in den letzten Jahren eigentlich waren. Die aktuelle Finanzkrise etwa deckt die Unzulänglichkeit von Expertenmeinungen und Einzelwissenschaften (u.a. Volks- und Betriebswirtschaftslehre) dermassen schonungslos auf, dass eine Art Paradigmenwechsel augenscheinlich geworden ist.
Keine Ahnung, ob die norwegische Geheimdienstchefin eine Expertin ist. Aber sie hielt sich jedenfalls für kompetent genug, das psychologische Profil eines Anders Breivik binnen weniger Tage zu entschlüsseln. Besonders interessant war ihre Bemerkung, Breivik sei einfach “vollkommen böse”. In dieselbe Kerbe schlug auch ein Hintergrundbericht der Frankfurter Allgemeine Zeitung, die titelte: “Nicht rechts, nicht links, nur böse”.
Lassen wir die Experten resümieren: Ist jemand weder Terrorist noch Islamist, weder links noch rechts und auch nicht geisteskrank, dann ist er einfach nur ganz böse.
Vergangene Pfingsten haben wir uns anlässlich einer Auszeit in Bingen über das Böse in der Bibel ausgetauscht. Was ist eigentlich die Essenz des ‘Bösen’? Was meint die Bibel mit dem Teufel, dem Satan, den Dämonen, dem Antichristen und jenem Tier, dessen Zahl 666 sei? Handelt es sich hierbei um explizite Individuen oder geht es dabei letztlich um ein und dieselbe Entität? Inwiefern liegt das Böse im Auge des Betrachters, und wie verhindert genau diese Projektion die weitere Entwicklung zu spirituellem Bewusstsein? Könnte es sein, dass die Beurteilung (Erkenntnis) des Guten und Bösen Ausdruck eines Dualismus ist, wo das Bedingte und Vergängliche in den Status von etwas Notwendigem und Bleibendem erhoben wird? Inwiefern hat Jesus einen Perspektivenwechsel eingeführt, der diesen Dualismus überwindet?
Die präteristische Sichtweise hat mir persönlich geholfen, diese Fragen von einer “erfüllten Perspektive” her zu beleuchten. Erst in diesem Bewusstsein begann ich die biblische Heilsgeschichte als geistliche Erzählung zu begreifen, als eine Botschaft, die nicht aus Worten besteht, sondern aus Kraft (1. Kor 4,20).
Aber auch dieses Bewusstsein ist weder notwendig noch bleibend. Es ist lediglich ein Raum mit weiteren Türen, die wiederum zu neuen Räumen führen.
Was dieser Blog betrifft, stehe ich vor so einer Tür. Ich habe mich lange mit dem theologischen Expertentum auseinandergesetzt und unzählige Bücher gelesen; zuerst die evangelikalen, dann die reformatorischen, schliesslich die liberalen und später die postmodernen Autoren. Das alles hat mir viel bedeutet, und es hat mir viel gegeben. Ich bin dankbar für die vielen Anregungen, die mich zum Nachdenken brachten und mein Gottesbild erweiterten. Aus vielen Zuschriften und Emails erfuhr ich Unterstützung, und so manche Kritik half meinem Inneren zu wachsen.
Aber nun möchte ich auch äusserlich nachvollziehen, was sich innerlich längst ergeben hat: die ungeistliche Enge verlassen, die eine theologisch-dualistische Weltsicht impliziert. Ich will kein ra(s)tloser Experte sein und auch nicht werden.
Dieser Blog war von Anfang an nur Abdruck meiner eigenen Entwicklung, wo ein Austausch (eine Art Metabolismus) unabdingbar ist. Ich bin mir bewusst, dass meine Ausführungen für die ursprüngliche “Zielgruppe”, allen voran die evangelikalen Freunde, ab und an überfordernd waren – oder geworden sind. Für den einen oder anderen schlicht unverständlich.
Wie und unter welchem Namen ich diesen Blog weiterführe, werde ich mir in den nächsten Wochen überlegen. Die Domäne “erfuellt.net” wird ganz sicher weitergeleitet. Und bis dahin, je nachdem, mit einzelnen Artikeln ergänzt.
Liebe Sommergrüsse
Markus Mosimann






